Für einiges Aufsehen sorgte die Bundesregierung in den letzten Tagen, möglicherweise jedoch eher unbeabsichtigt. In einem Antwortpapier auf einen Fragenkatalog der SPD-Bundestagsfraktion erläuterte ein Mitarbeiter des Innenministeriums, wie dieses sich den Einsatz des sogenannten "Bundestrojaners" vorstelle und legte außerdem dar, wie der vom Bundesverfassungsgericht geforderte Schutz der Privatsphäre gewährleistet werden solle. Alles in allem klingen die Beschreibungen in dem Papier jedoch mehr als abenteuerlich.  Fast zeitgleich veröffentlichte der Spiegel einen Artikel,  in dem beschrieben wird, wie zahlreiche Computer im Kanzleramt und in drei Ministerien von Trojanern befallen gewesen seien, die der Übermittlung von Daten nach China dienten.

 Sowohl  das  Schreiben des Innenministeriums,  als auch die Reaktionen der Regierung auf  die Entdeckung der  infizierten Rechner lassen nicht wirklich auf geballte Kompetenz schließen. Hatten die früheren (illegalen) Versuche unserer Fahnder, Computer online zu überprüfen, noch ihren Ursprung in CDs, die bei den Betroffenen einfach in den Briefkasten geworfen wurden (in der Hoffnung, daß diese die darauf befindliche Software ungeprüft starten würden), soll der Angriff nun über E-Mail-Anhänge, z.B. Word- oder MS-Powerpointdateien erfolgen. Eine zweite Variante bestehe im Clonen der PC-Festplatten, die dann anschließend durch mit RFS (Remote Forensic Software) versehene Platten ersetzt werden sollen. Das Risiko einer Entdeckung bezeichnte das Innenministerium als gering. Sollte der Besitzer eines observierten PCs wider Erwarten doch mißtrauisch werden, könne man das Virus einfach entfernen. Auch der Schutz der Privatsphäre sei durch Einsatz bestimmter "technischer Maßnahmen" gewährleistet.

 Unabhängig von der verfassungsrechtlichen Fragwürdigkeit erinnert mich dieses Vorgehen eher an einen schlechten Sat1-Film denn an IT-Kompetenz. Ich stelle mir gerade vor, wie ich eine E-Mail mit einer "Ist wirklich lustig" Powerpoint-Datei erhalte. Innen drin befindet sich dann ein Trojaner mit einem Algorithmus, der "Meine geheimsten Sexphantasien.doc" in Ruhe lässt, aber die im gleichen Verzeichnis befindlichen Dateien "Anleitung zum Bombenbau.pps" und "Mitgliedsbeiträge Al Quaida.xls" an den Verfassungsschutz sendet.

 Offenbar befindet sich der Wissensstand der Mitarbeiter des Innenministeriums auf gleichem Niveau wie das IT-Knowhow im Bundeskanzleramt und drei weiteren Ministerien. Dort wurden nämlich tatsächlich Trojaner entdeckt und - laut Aussage des BMI und des Verfassungsschutzes - die Übermittlung von etwa 160GB Daten an eine Adresse in China "gerade noch rechtzeitig" verhindert. Wie die ermittelnden Beamten so sicher sein können, daß wirklich nichts nach China übertragen wurde, bleibt mir allerdings ein Rätsel.

 Vielleicht sollte Schäuble unserer Bundeskanzlerin, die sich gerade auf dem Weg nach China befindet, einen Fragenkatalog mitgeben und sich den professionellen Einsatz von Spionagesoftware von chinesischen Spezialisten mal so richtig erklären lassen. Und der Verfassungsschutz nimmt am nächsten Camp des CCC teil - wenn die Schlapphüte nicht sowieso schon (unentdeckt) beim letzten Treffen waren.

Datenschutz,Politik,IT

By ace on 27-Aug-07 04:41


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